Kraken: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Mythenlabor.de
WorkspaceUpload: Kraken auf Standardbausteine umgestellt
 
(Eine dazwischenliegende Version desselben Benutzers wird nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
{{Infobox Kryptide
<div class="ml-infobox ml-infobox--kryptid" style="float:right; margin:0 0 1em 1em; width:300px; font-size:90%; line-height:1.45;">
|name          = Kraken
{| class="wikitable" style="width:100%;"
|andere_namen  = Hafgufa, Lyngbakr
|+ '''Kurzueberblick'''
|region        = Nordatlantik, Skandinavien, Nordsee
|-
|erste_sichtung = Altnordische Ueberlieferung; systematisch beschrieben im 18. Jahrhundert
! Wesenstyp
|merkmale      = Riesiges Meereswesen mit tentakelartigen Armen; greift Schiffe an oder versenkt sie
| Nordisches Seeungeheuer und Kryptid
|groesse        = Mythologisch gewaltig; spaetere Naturdeutungen auf den Riesenkalmar bezogen
|-
|status        = Mythologisch; als Kryptid nicht bestaetigt
! Ueberlieferung
}}
| Altnordische und fruehneuzeitliche Seefahrersagen
|-
! Raum
| Nordatlantik, Norwegen, Nordsee
|-
! Deutung
| Seemannsgarn, Naturbeobachtung, Riesenkalmar
|-
! Naechster Ausbauknoten
| Seeungeheuer der nordatlantischen Tradition
|}
</div>


'''Der Kraken''' ist eines der bekanntesten Seeungeheuer der nord- und westeuropaeischen Ueberlieferung.
'''Der Kraken''' ist eines der bekanntesten Seeungeheuer der nord- und westeuropaeischen Ueberlieferung.
Zeile 13: Zeile 24:
Gerade weil der Kraken zugleich Seemannsgarn, Naturbeobachtung und literarische Projektionsfigur ist, gehoert er zu den langlebigsten Meeresmonstern ueberhaupt.
Gerade weil der Kraken zugleich Seemannsgarn, Naturbeobachtung und literarische Projektionsfigur ist, gehoert er zu den langlebigsten Meeresmonstern ueberhaupt.


[[Datei:Kraken-Kuenstlerische-Darstellung.png|mini|rechts|alt=Ein gewaltiger Kraken erhebt sich aus einem sturmischen Meer und umschlingt ein Segelschiff, ohne Schrift oder moderne Gegenstaende.|Kuenstlerische Darstellung des Kraken in einer sturmischen Nacht auf dem offenen Meer.]]
[[Datei:Kraken-Kuenstlerische-Darstellung.png|mini|rechts|alt=Ein gewaltiger Kraken erhebt sich aus einem stuermischen Meer und umschlingt ein Segelschiff, ohne Schrift oder moderne Gegenstaende.|Kuenstlerische Darstellung des Kraken in einer stuermischen Nacht auf dem offenen Meer.]]


Im modernen Sprachgebrauch steht der Kraken meist fuer ein gigantisches, tentakelbesetztes Seeungeheuer.
Im modernen Sprachgebrauch steht der Kraken meist fuer ein gigantisches, tentakelbesetztes Seeungeheuer.
Zeile 28: Zeile 39:


Fuer Seefahrer hatte das Meer nie nur den Charakter einer Route, sondern auch den eines bedrohlichen Grenzraums.
Fuer Seefahrer hatte das Meer nie nur den Charakter einer Route, sondern auch den eines bedrohlichen Grenzraums.
Nebelschwaden, Strudel, unbekannte Tiefen und ploetzliche Wetterumschlaege beguenstigten Deutungen, in denen das Meer selbst zu handeln schien.
Nebelschwaden, Strudel, unbekannte Tiefen und ploetzliche Wetterumschwuenge beguenstigten Deutungen, in denen das Meer selbst zu handeln schien.
Der Kraken sitzt genau in dieser Vorstellungswelt.
Der Kraken sitzt genau in dieser Vorstellungswelt.
Er ist weniger ein einzelnes Tier als eine Verdichtung nautischer Angst, Erfahrungswissen und Erzaehlung.
Er ist weniger ein einzelnes Tier als eine Verdichtung nautischer Angst, Erfahrungswissen und Erzaehlung.
Zeile 48: Zeile 59:
Gerade diese Vermischung von Beobachtung und Spekulation ist fuer viele Meeresungeheuertraditionen typisch.
Gerade diese Vermischung von Beobachtung und Spekulation ist fuer viele Meeresungeheuertraditionen typisch.


== Vom Mythos zum Riesenkalamar ==
== Vom Mythos zum Riesenkalmar ==


Eine der naheliegendsten modernen Erklaerungen ist der Riesenkalamar.
Eine der naheliegendsten modernen Erklaerungen ist der Riesenkalmar.
'''Architeuthis dux''' ist tatsaechlich ein beeindruckendes Tiefseetier, das sehr grosse Ausmasse erreichen kann und im kollektiven Bild leicht zum Monster vergroessert wird.
'''Architeuthis dux''' ist tatsaechlich ein beeindruckendes Tiefseetier, das sehr grosse Ausmasse erreichen kann und im kollektiven Bild leicht zum Monster vergroessert wird.
Das Tier allein erklaert den Kraken-Mythos jedoch nicht vollstaendig.
Das Tier allein erklaert den Kraken-Mythos jedoch nicht vollstaendig.
Es liefert eher ein natuerliches Vorbild fuer einige der visuellen Eigenschaften, die spaeter mit dem Kraken verbunden wurden.
Es liefert eher ein natuerliches Vorbild fuer einige der visuellen Eigenschaften, die spaeter mit dem Kraken verbunden wurden.


Gerade die Verbindung aus unbekannter Tiefsee, seltenen Sichtungen und ueberwaeltigender Groesse macht den Riesenkalamar so anschlussfaehig.
Gerade die Verbindung aus unbekannter Tiefsee, seltenen Sichtungen und ueberwaeltigender Groesse macht den Riesenkalmar so anschlussfaehig.
Wenn ein Tier nur selten lebend gesehen wird, entsteht schnell ein Deutungsspielraum.
Wenn ein Tier nur selten lebend gesehen wird, entsteht schnell ein Deutungsspielraum.
Ein paar sichtbare Arme, eine Flaeche im Wasser oder ein angedeuteter Koerper koennen im narrativen Umfeld eines Seefahrers rasch zu etwas viel Groesserem werden.
Ein paar sichtbare Arme, eine Flaeche im Wasser oder ein angedeuteter Koerper koennen im narrativen Umfeld eines Seefahrers rasch zu etwas viel Groesserem werden.


Wichtig ist dennoch die Trennung:
Wichtig ist dennoch die Trennung:
Der Riesenkalamar ist Biologie, der Kraken ist Folklore und Kulturgeschichte.
Der Riesenkalmar ist Biologie, der Kraken ist Folklore und Kulturgeschichte.
Beides kann sich beruehren, aber nicht einfach miteinander gleichgesetzt werden.
Beides kann sich beruehren, aber nicht einfach miteinander gleichgesetzt werden.


Zeile 72: Zeile 83:
Er ist nicht nur eine Macht oder ein Unheil, sondern ein fast zoologisch aussehendes Wesen.
Er ist nicht nur eine Macht oder ein Unheil, sondern ein fast zoologisch aussehendes Wesen.
Tentakel, Saugnapf, enorme Masse und die Faehigkeit, ein Schiff zu packen, machen ihn fuer Erzaehlungen besonders wirksam.
Tentakel, Saugnapf, enorme Masse und die Faehigkeit, ein Schiff zu packen, machen ihn fuer Erzaehlungen besonders wirksam.
Die Figur ist deshalb visuell einfacher zu erinnern als viele abstraktere Meeresgottheiten oder Strafen des Meeres.
Die Figur ist deshalb visuell einfacher zu erinnern als viele abstraktere Meeresgoetter oder Strafen des Meeres.


== Kraken in Literatur und Bildkultur ==
== Kraken in Literatur und Bildkultur ==


Spuerbar gross wurde der Kraken auch durch die Literatur des 19. Jahrhunderts.
Spuerbar gross wurde der Kraken auch durch die Literatur des 19. Jahrhunderts.
Reise- und Abenteuertexte, naturkundliche Werke und spaeter der populare Roman machten aus ihm eine wiedererkennbare Schreckfigur.
Reise- und Abenteuertexte, naturkundliche Werke und spaeter der populaere Roman machten aus ihm eine wiedererkennbare Schreckfigur.
Besonders stark wirkte dabei die Verbindung von Wildnis, Tiefe und technischer Hilflosigkeit.
Besonders stark wirkte dabei die Verbindung von Wildnis, Tiefe und technischer Hilflosigkeit.
Ein Schiff auf offenem Meer ist verletzlich, und der Kraken verkoerpert genau diese Verletzlichkeit.
Ein Schiff auf offenem Meer ist verletzlich, und der Kraken verkoerpert genau diese Verletzlichkeit.
Zeile 88: Zeile 99:
Dabei hat die Figur einen erstaunlichen Wandel durchlaufen.
Dabei hat die Figur einen erstaunlichen Wandel durchlaufen.
Frueher stand der Kraken fuer nautische Angst und unbekannte Tiefen.
Frueher stand der Kraken fuer nautische Angst und unbekannte Tiefen.
Heute kann er ebenso fuer Fantasy-Overstatement, Abenteuerkino oder sogar humorvolle Uebertreibung stehen.
Heute kann er ebenso fuer Fantasy-Uebertreibung, Abenteuerkino oder sogar humorvolle Zuspitzung stehen.
Seine Grundform bleibt aber erhalten: etwas Riesiges im Meer, das menschliche Ordnung relativiert.
Seine Grundform bleibt aber erhalten: etwas Riesiges im Meer, das menschliche Ordnung relativiert.


Zeile 103: Zeile 114:
Nessie ist eher das geheimnisvolle Einzelwesen in einem bestimmten Gewaesser, der Kraken dagegen der urgewaltige Tiefsee-Koerper des Meeres selbst.
Nessie ist eher das geheimnisvolle Einzelwesen in einem bestimmten Gewaesser, der Kraken dagegen der urgewaltige Tiefsee-Koerper des Meeres selbst.


== Bedeutung fuer die Mythenforschung ==
== Warum der Kraken wirkt ==


Fuer die Mythenforschung ist der Kraken interessant, weil er mehrere Ebenen zugleich zusammenhaelt:
Der Kraken bleibt deshalb so wirksam, weil er gleich mehrere Grundaengste zusammenfasst.
eine aeltere Seefahrerueberlieferung, fruehe Naturgeschichte, moderne wissenschaftliche Debatten und eine ausgepraegte Popbildkultur.
Die See ist unberechenbar, die Tiefe unsichtbar, das Schiff verwundbar und die Naturgewalt kaum kontrollierbar.
Kaum ein anderes Wesen zeigt so deutlich, wie offen die Grenze zwischen Beobachtung und Erzaehlung auf See sein kann.
Der Kraken macht aus all dem eine einzige Gestalt.
Er gibt einer abstrakten Bedrohung einen Koerper, einen Namen und eine Szene.


Der Kraken ist damit nicht nur ein Monster.
Zugleich ist die Figur flexibel.
Er ist auch ein kultureller Spiegel fuer die Frage, wie Menschen auf das nicht Sichtbare reagieren.
Sie kann in mythischen, literarischen, wissenschaftsnahen und popkulturellen Zusammenhaengen funktionieren, ohne ihre Wiedererkennbarkeit zu verlieren.
Tiefsee, Dunkelheit und unberechenbare Bewegung erzeugen seit jeher jene Art von Erzahldruck, aus dem solche Gestalten entstehen.
Gerade diese Offenheit macht sie fuer Mythenarbeit so interessant.
Der Kraken ist nicht nur ein Monster, sondern auch ein kultureller Speicher fuer das, was Menschen im Meer fuer moeglich halten.


== Einordnung fuer Mythenlabor ==
== Einordnung in die nordatlantische Mythentradition ==


Als Artikel in [[:Kategorie:Kryptide|Kryptide]] und [[:Kategorie:Meereswesen und Wassermythen|Meereswesen und Wassermythen]] verbindet der Kraken die maritime Grenzzone mit der groesseren Kryptidenwelt.
Innerhalb der nordatlantischen Mythentradition steht der Kraken fuer einen ganz eigenen Typ von Grenzwesen.
Naheliegende Anschlussartikel sind ausserdem Seiten zu Seeungeheuern, Tiefseemotiven und weiteren maritimen Kryptiden.
Er gehoert nicht zu den heroischen Goettern, nicht zu den Hausgeistern und nicht zu den Landmonstern.
Im Verbund mit [[Nessie]] entsteht hier ein robuster Meeresmonster-Knoten fuer das Wiki.
Er ist ein Wesen des offenen Wassers, der Dunkelheit und der schlecht lesbaren Grenzraeume.
Damit passt er zu einer Welt, in der Seefahrt immer auch Deutung von Unbekanntem bedeutet.


== Redaktioneller Hinweis ==
Gerade in Verbindung mit [[Nessie]] und anderen Meereswesen laesst sich der Kraken als Teil eines groesseren Musters lesen.
Nicht die exakte zoologische Wirklichkeit ist hier entscheidend, sondern die kulturelle Leistungsfaehigkeit der Erzaehlung.
Der Kraken zeigt, wie schnell aus Beobachtung, Furcht und Wiederholung ein dauerhafter Mythos werden kann.


Dieser Artikel wurde fuer Mythenlabor von '''Benjamin Metzig''' ausgearbeitet.
<div class="ml-author-note">
 
Dieser Artikel wurde fuer Mythenlabor von <b>Benjamin Metzig</b> ausgearbeitet.
== Externer Hinweis ==
</div>


<div class="ml-external-note">
Weiterfuehrende Grenzthemen, Wissenschafts- und Kulturbeitraege finden sich auch auf [https://wissenschaftswelle.de Wissenschaftswelle.de].
Weiterfuehrende Grenzthemen, Wissenschafts- und Kulturbeitraege finden sich auch auf [https://wissenschaftswelle.de Wissenschaftswelle.de].
</div>


[[Kategorie:Kryptide]]
[[Kategorie:Kryptide]]
[[Kategorie:Meereswesen und Wassermythen]]
[[Kategorie:Meereswesen und Wassermythen]]
[[Kategorie:Nordische und Germanische Mythologie]]
[[Kategorie:Nordische und Germanische Mythologie]]

Aktuelle Version vom 26. April 2026, 15:33 Uhr

Kurzueberblick
Wesenstyp Nordisches Seeungeheuer und Kryptid
Ueberlieferung Altnordische und fruehneuzeitliche Seefahrersagen
Raum Nordatlantik, Norwegen, Nordsee
Deutung Seemannsgarn, Naturbeobachtung, Riesenkalmar
Naechster Ausbauknoten Seeungeheuer der nordatlantischen Tradition

Der Kraken ist eines der bekanntesten Seeungeheuer der nord- und westeuropaeischen Ueberlieferung. Er erscheint als riesiges Wesen aus der Tiefe, das Schiffe bedroht, Seewege unheimlich macht und den Ozean als Ort des Unbekannten markiert. Gerade weil der Kraken zugleich Seemannsgarn, Naturbeobachtung und literarische Projektionsfigur ist, gehoert er zu den langlebigsten Meeresmonstern ueberhaupt.

Ein gewaltiger Kraken erhebt sich aus einem stuermischen Meer und umschlingt ein Segelschiff, ohne Schrift oder moderne Gegenstaende.
Kuenstlerische Darstellung des Kraken in einer stuermischen Nacht auf dem offenen Meer.

Im modernen Sprachgebrauch steht der Kraken meist fuer ein gigantisches, tentakelbesetztes Seeungeheuer. Historisch ist die Sache komplizierter. Aeltere nordische Quellen kannten bereits Motive von Inselwesen, Meereskolossen und riesigen Tieren im Meer, doch die heutige Standardfigur entstand erst schrittweise aus Fahrtenberichten, Naturgeschichten und spaeterer Popkultur. Damit ist der Kraken ein gutes Beispiel dafuer, wie aus verstreuten Beobachtungen und alten Erzaehlmotiven eine feste Weltfigur wird.

Herkunft und Ueberlieferung

Die krakenartige Gestalt ist vor allem mit dem nordatlantischen Raum verbunden. In altnordischen Traditionen und spaeteren Erzaehlungen tauchen Seeungeheuer auf, die mit Namen wie Hafgufa oder Lyngbakr in Beziehung gesetzt werden. Ob diese Wesen direkt mit dem spaeteren Kraken identisch sind, ist in der Forschung umstritten. Sicher ist jedoch, dass die Vorstellung von riesigen, gefaehrlichen Meereswesen im Norden Europas sehr alt ist.

Fuer Seefahrer hatte das Meer nie nur den Charakter einer Route, sondern auch den eines bedrohlichen Grenzraums. Nebelschwaden, Strudel, unbekannte Tiefen und ploetzliche Wetterumschwuenge beguenstigten Deutungen, in denen das Meer selbst zu handeln schien. Der Kraken sitzt genau in dieser Vorstellungswelt. Er ist weniger ein einzelnes Tier als eine Verdichtung nautischer Angst, Erfahrungswissen und Erzaehlung.

Wie bei vielen Kryptiden ist auch hier wichtig, zwischen Motivgeschichte und spaeterer Naturerklaerung zu unterscheiden. Die Figur existiert kulturell sehr klar, zoologisch aber nicht. Das heisst: Der Kraken ist real als Mythos, aber nicht als bestaetigte Tierart.

Pontoppidan und die fruehe Naturgeschichte

Ein zentraler Wendepunkt war das 18. Jahrhundert. Der norwegische Bischof Erik Pontoppidan beschrieb in seiner Naturgeschichte von Norwegen ein riesiges Meereswesen, das aus dem Meer auftauchen und Schiffe bedrohen koenne. Solche Texte waren weder reine Fantasie noch moderne Wissenschaft im heutigen Sinn. Sie bewegten sich in einer Zwischenzone aus Gelehrsamkeit, Reisebericht, Sammelleidenschaft und Volksglauben.

Pontoppidans Darstellung war wichtig, weil sie dem Kraken einen scheinbar naturkundlichen Rahmen gab. Aus einer unbestimmten Seelegende wurde ein Gegenstand gelehrter Erwaegung. Das machte die Figur anschlussfaehig fuer Leser, die zwischen Glaube und Naturerklaerung suchten. Gerade diese Vermischung von Beobachtung und Spekulation ist fuer viele Meeresungeheuertraditionen typisch.

Vom Mythos zum Riesenkalmar

Eine der naheliegendsten modernen Erklaerungen ist der Riesenkalmar. Architeuthis dux ist tatsaechlich ein beeindruckendes Tiefseetier, das sehr grosse Ausmasse erreichen kann und im kollektiven Bild leicht zum Monster vergroessert wird. Das Tier allein erklaert den Kraken-Mythos jedoch nicht vollstaendig. Es liefert eher ein natuerliches Vorbild fuer einige der visuellen Eigenschaften, die spaeter mit dem Kraken verbunden wurden.

Gerade die Verbindung aus unbekannter Tiefsee, seltenen Sichtungen und ueberwaeltigender Groesse macht den Riesenkalmar so anschlussfaehig. Wenn ein Tier nur selten lebend gesehen wird, entsteht schnell ein Deutungsspielraum. Ein paar sichtbare Arme, eine Flaeche im Wasser oder ein angedeuteter Koerper koennen im narrativen Umfeld eines Seefahrers rasch zu etwas viel Groesserem werden.

Wichtig ist dennoch die Trennung: Der Riesenkalmar ist Biologie, der Kraken ist Folklore und Kulturgeschichte. Beides kann sich beruehren, aber nicht einfach miteinander gleichgesetzt werden.

Der Kraken als Seemonster

Im klassischen Bild ist der Kraken vor allem ein Angreifer. Er zieht Boote unter Wasser, reisst Masten um, vergroessert die Seegefahr ins Monstroese und verleiht dem Meer einen Willen. Damit steht er in einer langen Reihe maritimer Schreckgestalten, zu denen auch andere Wassermythen gehoeren.

Der Kraken unterscheidet sich jedoch von vielen rein symbolischen Meereswesen dadurch, dass er meist sehr koerperlich gedacht wird. Er ist nicht nur eine Macht oder ein Unheil, sondern ein fast zoologisch aussehendes Wesen. Tentakel, Saugnapf, enorme Masse und die Faehigkeit, ein Schiff zu packen, machen ihn fuer Erzaehlungen besonders wirksam. Die Figur ist deshalb visuell einfacher zu erinnern als viele abstraktere Meeresgoetter oder Strafen des Meeres.

Kraken in Literatur und Bildkultur

Spuerbar gross wurde der Kraken auch durch die Literatur des 19. Jahrhunderts. Reise- und Abenteuertexte, naturkundliche Werke und spaeter der populaere Roman machten aus ihm eine wiedererkennbare Schreckfigur. Besonders stark wirkte dabei die Verbindung von Wildnis, Tiefe und technischer Hilflosigkeit. Ein Schiff auf offenem Meer ist verletzlich, und der Kraken verkoerpert genau diese Verletzlichkeit.

Auch die neuere Popkultur hat die Figur fest verankert. Der Kraken ist in Filmen, Comics, Computerspielen und Illustrationen allgegenwaertig. Oft dient er dort als ultimative Vorstellung eines unkontrollierbaren Tiefseegegners. Der Satz "den Kraken loslassen" ist laengst selbst zu einer Redewendung fuer entfesselte Gewalt oder ploetzliche Macht geworden.

Dabei hat die Figur einen erstaunlichen Wandel durchlaufen. Frueher stand der Kraken fuer nautische Angst und unbekannte Tiefen. Heute kann er ebenso fuer Fantasy-Uebertreibung, Abenteuerkino oder sogar humorvolle Zuspitzung stehen. Seine Grundform bleibt aber erhalten: etwas Riesiges im Meer, das menschliche Ordnung relativiert.

Vergleich mit anderen Kryptiden

Der Kraken ist als Kryptid insofern besonders, als er kein Landwesen ist. Im Gegensatz zu Bigfoot oder Yeti steht nicht der Wald oder das Gebirge im Zentrum, sondern die offene See. Trotzdem verbindet ihn mit anderen Kryptiden das gleiche Grundmuster: Ein Grenzraum, vereinzelte Hinweise, starke Erzaehltradition und ein dauernder Wechsel zwischen Beweisanspruch und Mythos.

Auch im Vergleich mit Nessie ist die Figur aufschlussreich. Beide Wesen leben in Gewaessern, beide profitieren von schwer kontrollierbaren Sichtbedingungen, und beide sind durch Medienberichte dauerhaft vergroessert worden. Der Unterschied liegt in der Symbolik: Nessie ist eher das geheimnisvolle Einzelwesen in einem bestimmten Gewaesser, der Kraken dagegen der urgewaltige Tiefsee-Koerper des Meeres selbst.

Warum der Kraken wirkt

Der Kraken bleibt deshalb so wirksam, weil er gleich mehrere Grundaengste zusammenfasst. Die See ist unberechenbar, die Tiefe unsichtbar, das Schiff verwundbar und die Naturgewalt kaum kontrollierbar. Der Kraken macht aus all dem eine einzige Gestalt. Er gibt einer abstrakten Bedrohung einen Koerper, einen Namen und eine Szene.

Zugleich ist die Figur flexibel. Sie kann in mythischen, literarischen, wissenschaftsnahen und popkulturellen Zusammenhaengen funktionieren, ohne ihre Wiedererkennbarkeit zu verlieren. Gerade diese Offenheit macht sie fuer Mythenarbeit so interessant. Der Kraken ist nicht nur ein Monster, sondern auch ein kultureller Speicher fuer das, was Menschen im Meer fuer moeglich halten.

Einordnung in die nordatlantische Mythentradition

Innerhalb der nordatlantischen Mythentradition steht der Kraken fuer einen ganz eigenen Typ von Grenzwesen. Er gehoert nicht zu den heroischen Goettern, nicht zu den Hausgeistern und nicht zu den Landmonstern. Er ist ein Wesen des offenen Wassers, der Dunkelheit und der schlecht lesbaren Grenzraeume. Damit passt er zu einer Welt, in der Seefahrt immer auch Deutung von Unbekanntem bedeutet.

Gerade in Verbindung mit Nessie und anderen Meereswesen laesst sich der Kraken als Teil eines groesseren Musters lesen. Nicht die exakte zoologische Wirklichkeit ist hier entscheidend, sondern die kulturelle Leistungsfaehigkeit der Erzaehlung. Der Kraken zeigt, wie schnell aus Beobachtung, Furcht und Wiederholung ein dauerhafter Mythos werden kann.

Dieser Artikel wurde fuer Mythenlabor von Benjamin Metzig ausgearbeitet.

Weiterfuehrende Grenzthemen, Wissenschafts- und Kulturbeitraege finden sich auch auf Wissenschaftswelle.de.